Andacht vom 18. Dezember 2011

18. Dezember 2011 - 4. Advent

Neulich hörte ich von einer Novelle des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der über die Not der Welt tief enttäuscht ist: Warum bringt die Menschheit so viel Hass und Gemeinheit, Gier und Neid, Eifersucht und Krieg hervor? Aus Entsetzen darüber beschließt er, seinem Leben ein Ende zu machen. Er sitzt abends in seiner Kammer und hat die Pistole, mit der er sich erschießen will, vor sich auf den Tisch gelegt.

Während er seinen schweren Gedanken nachgeht, schläft er ein. Er träumt, dass er von starker Hand aufgehoben und auf einen anderen Planeten getragen wird. Dort trifft er Menschen, die in vollkommenem Frieden miteinander Leben. Es gibt keinen Streit, keine Konflikte, keine Kriege, kein Blutvergießen. Jeder achtet den anderen. Es ist ein wunderbarer, paradiesischer Zustand. Ganz erstaunt über das große Glück geht er über den Planeten.

Aber dann macht er eine furchtbare Entdeckung: Wo er hinkommt, flammen plötzlich kleine Feindseligkeiten und Missverständnisse auf. Sie weiten sich aus zu Konflikten und Streitigkeiten. Wo er hingeht, verstehen sich die Menschen nicht mehr. – Da wacht er auf und findet sich in seiner Kammer wieder. Der junge Mann erkennt, dass die Not der Welt, die Ungerechtigkeit, Blut und Tränen, Elend und Leid in seinem eigenen Herzen beginnen.

Vielleicht fragen Sie sich in der Adventszeit: Warum dieser Trubel? Warum all die Festlichkeiten? Warum jedes Jahr wieder Weihnachten? Warum die Gottesdienste, die Lieder? Bleibt nicht die Welt so, wie sie ist: im Großen die Kriege und Nöte, im Kleinen die Gemeinheiten und Streitereien?

Nein! „Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier“, so dichtet Paul Gerhardt in einem Adventslied. Jesus wird geboren. Die Hilfe steht vor der Tür. Jesus verändert nicht zuerst die Machtverhältnisse im Großen. Er verändert die Herzen einzelner Menschen: Er tröstet, heilt, versöhnt, richtet auf, schenkt neue Hoffnung...

Was so klein und unscheinbar aussieht, ist dennoch der Beginn einer neuen Welt. Denn im Herzen des Menschen entscheidet sich der Zustand dieser Welt! Denn: Advent bedeutet: Ich öffne mich für die verändernde Kraft Gottes.

von Nicolai Hamilton, Pfarrer der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Halle