Andacht vom 26. Januar 2020

Wort zum Sonntag Sexagesimae, 26. Januar 2020

Engstirnigkeit kann bestechen: Klar sind die Wege ihrer Gedanken, einfach ihre Lösungen, unerschütterlich ihre Standpunkte. Weite ist dagegen uferlos, benötigt Mut, fördert die Phantasie, mutet Überraschungen zu, bringt Gedanken zum Fließen. Eine solche Weite, nämlich eine Weite in Bezug darauf, was Gott alles für uns sein kann, hat Martin Luther ermöglicht, als er das Bilderverbot in den Zehn Geboten nicht mit aufnahm. Für ihn war das Bilderverbot durch Gott selbst aufgehoben. In Anlehnung an das Johannesevangelium hat Luther Jesus Christus als Bild Gottes verstanden.

Wir brauchen Bilder. Menschliches Denken und Reden ist auf Vorstellungen gegründet. Veranschaulichung spielt dabei eine große Rolle. Um etwas „begreifen“ zu können, muss etwas da sein, das man greifen kann. In unserer Sprache, in unseren Gedanken ist das ein Bild. Es ist also ganz menschlich, sich Bilder von Gott zu machen, um ihn im eigenen Leben besser aufnehmen zu können.

Betrachtet man nun das alttestamentliche Bilderverbot neu – ausgehend von der Bedeutung von Bildern für die menschliche Vorstellungskraft und Luthers Weigerung, das Bilderverbot als absolut zu werten, dann erscheint es in einem anderen Licht: Das Verbot zielt gegen Engstirnigkeit. Es zeigt vielmehr auf das Problem, Gott in einem einzigen starren Bild festzulegen. Denn Gott kann von uns Menschen nicht in einem einzigen Bild begriffen werden. Erst durch eine Fülle an Bildern von Gott, durch verschiedene Sichtweisen auf Gott können wir Menschen Gott in seiner Göttlichkeit nahe kommen.

Die Bedeutung des alttestamentlichen Bilderverbotes ist: Du sollst Dir nicht lediglich ein einziges Bild von Gott machen. Du sollst Dir ganz viele Bilder von Gott machen, damit sie als einzelne Bruchstücke ein großes Bild ergeben, unvollständig, immer wieder ergänzt durch Deine Lebenserfahrungen.

Mit dem Anker im biblischen Zeugnis können unsere Gedanken in uferlose Weite fließen. Unser heutiges „Das alles bist Du, Gott“ kann durch ein morgiges „Und das auch noch“ ergänzt werden.

 

Beatrix Eulenstein ist Pfarrerin mit sozial-diakonischen Aufgaben im Evangelischen Kirchenkreis Halle