Andacht zum 16. November 2025

Neulich habe ich eine Trauerkarte gefunden. Eine ganz alte, gedruckt und sicher zigfach mit der Post verschickt, als mein Großvater gestorben war. Sage und schreibe 45 Jahre ist das her. Und das sieht man auf den ersten Blick: am Papier, an der Schrift. Und insbesondere an dem großen, schwarzen Kreuz auf der Vorderseite. Heute sehen Trauerkarten ganz anders aus: Kreuze sind da selten geworden. Häufig sieht man hingegen Bäume, Blätter. Oftmals ein einzelnes Blatt, das von einem Baum fällt. Und manchmal kommt sogar Farbe ins Spiel: ein sattgrüner Wald, gern mit einem sprudelnden Bach darin. 

Offensichtlich fühlen sich im Jahr 2025 die meisten Menschen eher vom Anblick eines Baumes getröstet als von dem eines Kreuzes. Ich vermute, sie sehen im Baum ein Zeichen des scheinbar ewigen Kreislaufs von Wachsen und Vergehen und Wieder-Neuwerden. Aber ist das schon alles? Oder steckt noch mehr in den Motiven auf heutigen Trauerkarten? 

Ich gebe zu: Auch ich mag all die Bäume und das Grün. Und ich finde sie als Motiv nicht unchristlich. Im Gegenteil. Bäume, Blätter usw. erinnern mich an den Schöpfer. Und an alles, was er uns geschenkt hat. Nicht allein diese Welt, sondern auch – die Auferstehung von den Toten. Den Ostertag hat man darum den achten Schöpfungstag genannt. Denn Paulus sagt: Durch Jesus Christus sind Christinnen und Christen zu neuen Geschöpfen geworden (2. Korinther 5,17). 

Ein Lied fällt mir dazu ein: „Freuet euch der schönen Erde“ (Ev. Gesangbuch 510). Da schaut der Dichter zunächst voller Freude in die Schöpfung und nennt sie den Schemel zu Gottes Füßen. Um dann in der letzten Strophe zu schließen: „Wenn am Schemel Seiner Füße / und am Thron schon solcher Schein, / o was muss an Seinem Herzen / erst für Glanz und Wonne sein.“ 

Die Bäume und Blätter auf unseren Trauerkarten erinnern mich genau daran: Wir Christenmenschen sind nicht bloß Teil der Natur, nicht einmal allein Geschöpfe – wir sind Gottes neue Geschöpfe. Wir sind ein Teil von Gottes ewigem Herzensprojekt. 

 

Superintendent Dr. André Heinrich