„Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben“, so lautet die erste Zeile eines bekannten Gesangbuchliedes von Paul Gerhardt. In vielen Strophen beschreibt der Liederdichter die prächtige Schönheit von Flora und Fauna, die man in der Sommerzeit mit allen Sinnen genießen kann. Gerne wird das Lied daher auch bei Freiluftgottesdiensten gesungen, nicht zuletzt wegen seiner eingängigen und beschwingten Melodie.
Die sommerliche Schönheit der Schöpfung Gottes in sich aufzunehmen, sich von ihr beflügeln, inspirieren und stärken zu lassen, dazu fordert Paul Gerhardt die Sänger seines Liedes auf. Solche Heiterkeit und Dankbarkeit muss verwundern, wenn man bedenkt, dass das Leben des Dichters tief geprägt war von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, von Pest und Seuchen, vom Verlust mehrerer seiner eigenen Kinder. Die bitteren Erfahrungen des Grauens und das Eintauchen in die blühende sommerliche Pracht des Lebens stehen so bei Paul Gerhardt nebeneinander.
Ich lese die Zeilen von Paul Gerhardt gern als einen Impuls, die Sommer- und Urlaubszeit ohne ein schlechtes Gewissen zur Entspannung, zur Rekreation zu nutzen. Die persönlichen und globalen Krisen der Gegenwart rede ich nicht klein, schon gar nicht möchte ich sie verdrängen. Aber ohne die Achtsamkeit für mich selbst, für meine Ressourcen, werde ich nicht die Kraft finden, zu ihrer Bewältigung beizutragen.
Von dem alten Apostel Johannes wird in einer Legende erzählt, dass er gerne mit einem zahmen Rebhuhn spielte. Als ihm ein Jäger vorwirft, er vergeude seine Zeit, fragt ihn Johannes zurück: „Warum ist dein Bogen nicht gespannt?“. Der Jäger antwortet: „Das darf nicht sein. Ein Bogen verliert seine Spannkraft, wenn er immer gespannt ist.“ Johannes erwidert ihm: „Siehst du, so wie du deinen Bogen entspannst, so müssen wir alle uns immer wieder entspannen und erholen. Nur so kann ich meine Ziele erreichen und das tun, was wirklich wichtig ist.“
Pfarrer Thilo Holzmüller ist Schulreferent der Ev. Kirchenkreise Gütersloh und Halle