„Siehe, ich mache alles neu.“
So lautet die Jahreslosung für 2026. Ein großer Satz. Einer, der sofort an gute Vorsätze erinnert. Neues Jahr, neues Glück. Mehr Sport, mehr Zeit, mehr Gelassenheit. Und oft auch: weniger Durchhalten als geplant.
Aber die Jahreslosung ist kein gut gemeinter Motivationsspruch. Sie ist auch keine Einladung zur religiösen Selbstoptimierung. Der Satz kommt nicht aus unserem Mund – sondern aus Gottes Mund. Gerade deshalb weckt er Fragen. Wenn Gott alles neu machen kann: Warum tut er es dann nicht sofort? Warum bleibt so viel Leid, so viel Ungerechtigkeit, so viel Unfertiges in dieser Welt? Die Worte stammen aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung. Geschrieben für Menschen, die unter Druck standen, verfolgt wurden, keine Macht hatten. Für sie war „Siehe, ich mache alles neu“ keine Vertröstung, sondern widerständige Hoffnung. Ein Protest gegen die Vorstellung, dass Gewalt, Unrecht und Tod am Ende das letzte Wort behalten.
Diese Hoffnung berührt mich. Nicht, weil sie alle Fragen löst. Sondern weil sie sagt: Das Böse siegt nicht. Tränen haben nicht das letzte Wort. Diese Welt ist nicht abgeschrieben.
Und vielleicht beginnt dieses „Neu-Machen“ nicht mit dem großen Umsturz, sondern leise. Schritt für Schritt. Dort, wo Menschen sich Zeit füreinander nehmen. Wo sie entschleunigen. Wo sie einander zuhören. Wo sie im Alltag kleine Zeichen setzen gegen Härte und Gleichgültigkeit. So verstanden ist die Jahreslosung kein zusätzlicher Vorsatz, der uns unter Druck setzt. Sondern eine Einladung zur Hoffnung. Zur Geduld. Und zum Vertrauen darauf, dass Gott mit dieser Welt noch nicht fertig ist – und mit uns auch nicht. In diesem Sinne: ein gesegnetes neues Jahr. Mit Hoffnung, die trägt. Und mit kleinen Neuanfängen, die möglich sind.
Dr. Marcel Friesen ist Pfarrer in Steinhagen