In den USA kann man gerade beobachten, wie ein Land von der Demokratie in eine Autokratie abrutscht und damit in die Vorstufe der Diktatur. Auch in Deutschland machen sich undemokratische Parteien breit – doch noch gehört das Land zu den weltweit 25 Ländern mit einer vollständigen Demokratie. Nur 6,6 Prozent der Menschheit leben in echten Demokratien – diese erschreckende Zahl hat Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer mitgebracht zu seinem Vortrag in der Martin-Luther-Kirche in Harsewinkel.
Der Politikwissenschaftler sieht aber keinen Grund zur Resignation, noch ist die Demokratie nicht vom Aussterben bedroht. „Aber die Demokratie ist keine einfache Angelegenheit. Für viele sind demokratische Gesellschaften höchst kompliziert – eine Diktatur hingegen ist einfach“, sagt Hufer. „Demokratie bedeutet kultiviert zu streiten und es aushalten zu können.“
Mit einem Exkurs in die Geschichte der Demokratie zeigt er bei der Veranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde, warum die Demokratie angreifbar geworden ist. Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, wo früher klar umrissene Milieus wie das Arbeitermilieu klar eine der Volksparteien wählten, gibt es nun viel differenziertere Milieus, die auf Wohngegend, Bildung, Kontakten, kulturellen Neigungen und anderen Merkmalen basieren. Die Interessen sind individueller geworden und damit auch die Ansprüche an Parteiprogramme.
Dazu kommt es zu Widersprüchen und Spannungen durch die so genannten Megatrends – Individualisierung, Globalisierung, Digitalisierung, Ökonomisierung, Migration oder auch Klimawandel. Deren Komplexität ist schwer auszuhalten, einfache Lösungen werden attraktiver.
Deutliche Zeichen für eine gefährdete Demokratie sind eine voranschreitende Erosion der traditionellen Parteiensysteme, der Siegeszug fremdenfeindlicher, nationalistischer Parteien sowie schwindende Zustimmung zur Demokratie in Meinungsumfragen – Merkmale, die leider auch auf Deutschland zutreffen.
„Das dürfen wir aber nicht als persönliche Kränkung sehen und dürfen nicht lockerlassen. Die Basis muss sich aktiv einbringen“, sagt Hufer. Zivilcourage zeigen, Widersprechen, Konflikte anerkennen und Demokratie aushalten, politische Bildung stärken und Argumente finden statt Vorurteile, Fakten statt Blasen sind dabei die Grundfaktoren. Auch sich an der neuen Öffentlichkeit in den sozialen Medien zu beteiligen, zu kommentieren, dort zu widersprechen und zu widerlegen sei wichtig, sagt Hufer.
„Ich mute mir jeden Tag eine halbe Stunde TikTok zu“, sagt der Politik- und Bildungswissenschaftler, der selbst auch schon oft im Netz angegriffen wurde. Als „sozialdemokratisch penetrierter Erwachsenenbildner“ wurde er schon bezeichnet und mehr – aber sein Mut zur Demokratie ist ungebrochen. Klaus-Peter Hufers Devise: Plurale Demokratie und eine offene Gesellschaft müssen gelebt und verteidigt werden.