„Was seid ihr denn für eine Sekte?“ oder „Was sind sie denn für eine Partei?“ bekamen die Aktiven der Aktion Verständigungsorte häufiger zu hören. Nicht jedem erschloss sich der Sinn und Zweck der Stände sofort, die in den letzten Wochen auf den Märkten im Kirchenkreis Halle aufgebaut wurden. Doch wenn die Passanten erst einmal ins Gespräch kamen mit den Haupt- und Ehrenamtlichen der Kirchengemeinden und des Kirchenkreises, waren sich die meisten einig: „Tolle Aktion!“.
Mit der Initiative #VerständigungsOrte schaffen Kirche und Diakonie bundesweit Raum für ehrlichen Dialog. #VerständigungsOrte sind Orte zum Reden und Zuhören, entspannen verhärtete Fronten, weiten den Blick und lassen auch mal in die Schuhe der anderen schlüpfen – für mehr Verständnis und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Denn miteinander reden ist schwierig geworden. Jeder hat seine Meinungen und möchte sie auch kundtun, selten kommt es zu offenen Diskussionen. Polemik ist wichtiger als echte Verständigung und gerade beim Thema Politik scheiden sich die Geister und die Gesellschaft spaltet sich.
Bei den Verständigungsorten im Kirchenkreis Halle ist das Konzept simpel: es stellen sich Personen aus den Kirchengemeinden auf die Marktplätze, bereit über Gott und die Welt und auch Politik zu sprechen - unparteilich und offen.
In Steinhagen, Werther, Harsewinkel, Borgholzhausen und Versmold haben die Verständigungsorte bisher stattgefunden, bewusst vor der Kommunalwahl. Denn gerade die anstehende Wahl erhitzt die Gemüter und sorgt in Familien, Freundeskreisen, unter Nachbarn oder Kollegen für Zündstoff.
Die politische Lage in Deutschland ist das zentrale Thema bei den Menschen, die an den Verständigungsorten ins Gespräch kommen. Viele haben Angst vor einem Rechtsruck. In Harsewinkel, wo sich nur wenige Meter neben dem kirchlichen Verständigungsort die AfD mit einem Stand präsentierte, wurde der Verständigungsort sogar zum demokratischen Treffpunkt: Kandidaten der CDU, FDP, SPD und Grünen diskutierten gemeinsam über den Umgang mit undemokratischen Parteien.
„Für mich ist die Aussage von Julia Klöckner darüber, dass Kirche sich rauszuhalten hat, ein Anlass, hier mitzumachen. Kirche hat politisch mitzureden, wir haben ein Mandat durch die Barmer Theologische Erklärung, dem Schlüsseldokument des kirchlichen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“, erklärt Pfarrer Jörg Eulenstein aus Harsewinkel.
Doch nicht immer ging es um dunkle Zukunftsperspektiven. Viele Menschen nutzten auch die Gelegenheit, um zu erzählen, warum sie zum Beispiel aus der Kirche ausgetreten sind oder nicht zu Gottesdiensten kommen. Oder sie entdeckten kirchliche Angebote neu und informierten sich über Beteiligungsformen in ihrer Gemeinde. „Ein offenes Ohr zu haben zahlt sich aus, wir haben zum einen mit Menschen geredet, die sonst nicht in Berührung mit uns kommen und mehr darüber gelernt, warum Kirche in ihrem Leben keine große Bedeutung mehr hat. Zum anderen konnten wir viele gute Gespräche führen und man hat gemerkt, dass vielen die Gelegenheit zum Miteinander Reden fehlt“, resümiert Öffentlichkeitsreferentin Kerstin Panhorst, die die Aktion koordiniert hat.
Nicht nur die gute Resonanz auf den Märkten zeigt, wie gut die Aktion angekommen ist – andere Kirchengemeinden aus dem eigenen Kirchenkreis wollen jetzt auch noch Verständigungsorte anbieten, weil sich die Gemeindemitglieder es sich gewünscht haben. Und auch aus anderen Kirchenkreisen kamen bereits Anfragen zu Tipps zur Adaption des Konzeptes mit den Marktständen.