Viermal im Jahr laden die Organisatorinnen vom Kreiskirchlichen Ausschuss für Frauen- und Gleichstellungsarbeit zu einem Frauentischgespräch ein. Es geht um verschiedene Themen, die in einem Vortrag beleuchtet werden. Beim anschließenden Essen gibt es am Tisch bereits einen ersten lockeren Austausch, der in der anschließenden Gesprächsrunde mit den jeweiligen Referenten fortgeführt wird.
Dr. Katja Kosubek, Historikerin und Leiterin des digitalen Geschichtsmuseums Haller ZeitRäume, hatte interessante Fakten zum Thema „1933 – Der Weg in den Nationalsozialismus in Halle und Umgebung“ sowie Bilder aus dem Halle von früher mitgebracht.
Was geschah nach Ende des Weltkrieges 1918? Nach dem Sturz des Kaiserreichs, versucht man mit der Wahl eines Volksrats in der Turnhalle der Volksschule Halle das Dringendste zu organisieren. Das neue System heißt „Demokratie“ – aber wie geht das? Es wird zu Veranstaltungen eingeladen, wie in den Saal bei Herrn Hollmann oder zum Stammtisch zur Witwe Brune. In den 20er Jahren entsteht eine soziale Ungleichheit, es herrscht Wohnungsnot, viele sind alkoholsüchtig. Aber es ist nicht alles schlecht, die Landwirtschaft verzeichnet hohe Erträge, es gibt Tanzveranstaltungen. Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 liegen SPD und DNVP weit vorn, die ‚Hitler-Partei‘ bekommt nur vereinzelt ein paar Stimmen. Das ändert sich schnell. Die erste Versammlung der NSDAP findet am 14. März 1930 beim Wirt Gerhold in Hörste statt. Verschiedene Strategien werden beleuchtet. Eine davon: in jedes Dorf gehen, in der Fläche präsent sein. Die Gefolgsleute erhalten den Auftrag, das Gespräch zu suchen und zu erklären, „welche Ideen Herr Hitler hat“, der Nationalsozialismus soll salonfähig gemacht werden. 1931 wird im Gasthof Schürmann am Lindenplatz die NSDAP Ortsgruppe Halle gegründet; die Partei bestreitet im Kreis Halle mehr Veranstaltungen als alle übrigen Parteien zusammen. Das zeigt Wirkung: Im Juli 1932 erreicht die NSDAP in der Kreisstadt Halle mit 53 % die absolute Mehrheit. Am 5. März 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Zum Aufruf des Boykotts jüdischer Geschäfte in Halle kommt es am 1. April, betroffen sind u. a. die Schlachterei Isenberg und der Hutsalon von Ida Herzberg. Am 1. Januar 1934 wird das „Gesetz zur Verhütung des erkrankten Nachwuchses“ erlassen, in deren Folge 200 Anträge auf „Unfruchtbarmachung“ im Kreis Halle beim Erbgesundheitsgericht in Bielefeld eingereicht werden.
Gibt es christlichen Widerstand? Am 26. Dezember 1934 wirft der Kriegsteilnehmer Heinrich Wesselmann in der St. Johanniskirche aus Protest gegen den Nationalsozialismus dem hitlertreuen Pastor Sauer während der Predigt eine Schlinge um den Hals – er wird verhaftet. Im sogenannten ‚Kirchenkampf‘ gibt es einen Konflikt zwischen den beiden Pastoren Emil Nase (Befürworter der ‚Deutschen Christen‘) und Ernst-Wilhelm Hoensch (Vertreter der ‚Bekennenden Kirche‘), Nase gerät ins Visier der Gestapo.
Die Lange Straße in Halle wird am Geburtstag Hitlers, dem 20. April 1936, in Adolf-Hitler-Straße umbenannt (in der Nummer 37 wird 1938 ein Parteibüro der NSDAP eröffnet), die Kättkenstraße in Hermann-Göring-Straße und die Alleestraße zur Straße-der-S.A.
Die Gäste lobten im Anschluss den interessanten Vortrag. Gleichzeitig waren sie betroffen über einige Parallelen zur heutigen Zeit. -dag-