ie diesjährigen Haller Bach-Tage bestechen erneut durch ihre Vielseitigkeit. Friedemann Engelbert als künstlerischer Leiter gelingt es nicht nur, Konträres wie u. a. amerikanische und heimische Künstler oder eine Barock-Dame und einen Shooting-Star zu präsentieren – er verbindet sie alle unter dem Motto „Lebenswege, Meilensteine“ und verliert nicht die Hommage an den Namensgeber aus den Augen. Die Dame im opulenten Barockgewand (vom Ensemble ‚Les Joyeux‘) würde sagen: „Chapeau!“
Innerhalb einer Woche gaben sich Vokalisten und Instrumentalisten fast täglich quasi die „Klinke in die Hand“. Beim Eröffnungskonzert in der St. Johanniskirche – erstmals an einem Donnerstag - mit Claudio Monteverdis Marienvesper „Vespro della Beata Vergine“ berührte das Vokalensemble der Johanniskantorei von Anfang an stimmgewaltig Herz und Seele des Publikums, das durch das anhaltende Winterwetter etwas dezimiert war. Bei denjenigen, die dem Schnee getrotzt hatten, bedankte sich KMD Friedemann Engelbert für ihren Mut. Sie sollten ihr Kommen nicht bereuen. Die Solisten Ute Engelke, Friederike Webel, Beat Duddeck, Christian Rathgeber, Florian Feth und Julian Redlin sowie das Johann-Rosenmüller-Ensemble bescherten dem Publikum mit der Marienvesper – einem der bedeutendsten und zugleich faszinierendsten Werke der Musikgeschichte – ein Klangerlebnis, das einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ein gelungener Auftakt!
Die Freunde der Bach-Tage kennen es schon: viel Zeit zum Verschnaufen gibt es nicht. Bereits am nächsten Tag folgte der nächste Höhepunkt des Klassikfestivals. Die ‚lautten compagney‘ aus Berlin bescherte mit „Time Travel – Baroque goes Pop“ und Liedern von Henry Purcell (1659-1695) sowie den Beatles (1960er Jahre) mit zwei Konzerten dem Storck-Treffpunkt jeweils ein volles Haus. Dem renommiertem und innovativem Ensemble für Alte Musik, das 2025 bereits zum zweiten Mal mit dem Opus Klassik als „Ensemble des Jahres“ geehrt wurde, stand die junge Saxophonistin Asaya Fateyeva zur Seite. Sie gilt als Shootingstar der Klassikszene und wenn man es nicht besser wüsste, würde man sie als ständiges Ensemblemitglied verortet. Auf den ersten Blick scheint die rund 300 Jahre auseinanderliegenden Purcell/Beatles nichts zu verbinden. Aber auf den zweiten erschließen sich verschiedene Aspekte: die Texte, die von Liebe, Verlust und Sehnsucht handeln, die rhythmische Prägnanz beider Protagonisten sowie die außergewöhnliche Arrangierkunst, die die Songs wandelbar machen. So lässt sich die Brücke zwischen beiden Welten schlagen und von den Musikern in der Lindenstadt hörbar machen. Knapp 30 Songs hatten die 13 Ensemblemitglieder im Gepäck, u. a. ‚Yesterday‘ und ‚Girl‘ der Pilzköpfe sowie Purcells Ohrwurm ‚One charming night‘.
„Das war grandios – das Beste, was ich jemals bei den Haller Bach-Tagen gehört habe!“ So lautete das begeisterte Fazit einer Zuhörerin nach dem Auftritt des Grammy-prämierten Vokalensembles ‚Canticleer‘ in der St. Johanniskirche. Wieder hatte der Winter für glatte Straßen gesorgt und das Publikum ausgedünnt. Die 12 Sänger der A-cappella-Gruppe kommen aus San Francisco. „Da kennen wir kaum Schnee“, dankte einer der Sänger denen, die sich trotzdem auf den Weg gemacht hatten. Keiner hatte das bereut, denn das, was die Sänger zu bieten hatten, war außergewöhnlich. Zum 250. Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit feierte das Ensemble ein musikalisches Erbe mit vielfältigen Stimmen, Melodien und Rhythmen. Es nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch die amerikanische Musikgeschichte – über frühe europäische Chormusik (u. a. „Lamentatio in Coena Domini“ von Juan de Lienas) und African American Spirituals (u. a. „Happy Shore“ von Trevor Weston) bis hin zu Chormusik des 20. Und 21. Jahrhunderts (u. a. „Hee-oo-oom-ha“ von Toby Twinning) sowie Popmusik mit Folk- und Protestsongs. Sie verbanden bei „Our American Journey“ gekonnt Traditionelles mit Modernem. Der nicht enden wollende Applaus drückte die stürmische Begeisterung der Zuschauer aus.
Gute Tradition hat das Kinderkonzert bei den Bach-Tagen. In diesem Jahr präsentierten vier Musiker des Ensembles ‚Les Joyeux‘ (übersetzt: die Fröhlichen) unter der Leitung von Claudia Runde, die als Moderatorin fungierte und mit ihrem Barockgewand die volle Aufmerksamkeit der jungen Zuhörer hatte, in ihrem Programm „Bachblüten“ Musik und Geschichten über Johann Sebastian Bach. Den Schülerinnen und Schülern der Lindenstadt-Grundschulen sowie in einem zweiten Konzert den 5. Klassen des Kreisgymnasiums Halle in deren Aula wurden nicht nur unterschiedliche Bereiche der Bachschen Kompositionen wie „Schafe können sicher weiden“ oder „Menuett G-Dur“ nahegebracht, sondern auch spannende, lustige und zum Staunen bringende „Bachblüten“ aus dem Leben des Komponisten erzählt. Auch die verschiedenen Instrumente wurden vorgestellt. Viola da Gamba, Alt-, Tenor- und Bass-Blockflöte sowie Cembalo waren nun Fremdartiges mehr, genau wie „très bien“, „mon dieu“, „merci beaucoup“ oder die Zahlen von eins bis zehn auf französich – Claudia Runge brachte Wissen spielend unter. Immer wieder wandte sie sich an ihr junges Publikum. „Wisst ihr, warum Bach eigentlich Meer heißen müsste?“ Schulterzucken in den Reihen. „Na, er hat so viel komponiert, dafür ist ein Bach viel zu klein!“ Das Publikum konnte Fragen beantworten, mitklatschen, den perfekten Hofknicks und eine Verbeugung üben. Am Ende der Vorstellung sangen alle gemeinsam: „Kinderkonzert Fidolino“. Die 8-jährige Lucia aus der 3. Grundschulklasse in Hörste war begeistert. „War das schön, ich liebe Musik!“ Sie berichtete, dass ihre Eltern ein Instrument spielen und sie selbst habe eine Zeit lang Cembalo-Unterricht genommen.
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