Das 62. Klassik-Festival der Region ist beendet. Mit der Matthäus-Passion, einem Werk des Namensgebers, wurde nochmal ein Feuerwerk hochkarätiger Musik in der St. Johanniskirche – und einen Tag danach in der Johanniskirche in Bielefeld - gezündet. Nachdem Bach 1724 die Johannes-Passion geschrieben hatte, entstand 1729 die Matthäus-Passion. Die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu bis hin zu seiner Auferstehung ist mit zahlreichen Solosängern, zwei Chören und zwei Orchestern sein umfangreichstes und am stärksten besetztes Werk und stellt einen Höhepunkt protestantischer Kirchenmusik dar. Die Solisten Sarah Romberger (Alt), Viola Blache (Sopran), Tenor Georg Poplutz, der für den erkrankten Bass Jens Hamann eingesprungene Sönke Tams Freier sowie Julian Redlin (Bassbariton) und das Barockorchester „arcipelago“ aus Aachen überzeugten auf ganzer Front. Unterstützt wurden sie von Soliloquenten des Bach-Chores sowie Mitgliedern des Teenie-Chores. Der eigentliche Star des Abends war indes der Bach-Chor der Johanniskantorei, der sich stimmgewaltig zeigte. Die Gesamtleitung des mit einer Pause mehr als vierstündigen dauernden Werkes hatte Friedemann Engelbert – ihm gelang gemeinsam mit allen Mitwirkenden ein wirklich krönender Abschluss der diesjährigen Haller Bach-Tage.
Weitere Höhepunkte gab es an den Tagen davor. Da ist besonders das inzwischen etablierte „Haller Dreierlei“ zu nennen: drei Veranstaltungen im Stundentakt an drei verschiedenen Orten, von den Gästen im rotierenden System zu besuchen – kleine kulinarische Snacks und Getränke inbegriffen. Gemäß dem diesjährigen Motto „Lebenswege – Meilensteine“ wurden drei ganz verschiedene Persönlichkeiten auf den Spuren ihres Lebens begleitet. Im Martin-Luther-Haus gastierte das den Lindenstädtern bereits bekannte Kordes-Tetzlaff-Godejohann-Trio, die sich mit ihrem Programm „Miles & More“ musikalischen Gegensätzen widmeten. Gegensätze? Nicht bei diesem Jazz-Trio. Ob „Miles Davis musiziert mit Chris Montez“, „Johann Sebastian Bach musiziert mit Georg Friedrich Händel“, „Ostwestfalen trifft auf das Meer“ oder „Zukunft begegnet Vergangenheit?“ – mit ihren Arrangements vereinen sie ihre Improvisationen mit den Kompositionen. Faszinierend, ein perfekter Hörgenuss.
Szenenwechsel: In der Sparkassenpassage erwartete das Publikum ein meisterhafter Redner: Dr. Andreas Reinicke, Direktor des Orient-Instituts in Berlin, war jahrelang Botschafter in Damaskus und Tunis und berichtete spannend und auch humorvoll von einigen seiner Lebensstationen – immer wieder die Brücke schlagend zu seinen Haller Wurzeln. Gemäß dem Titel „Von Halle in die Welt“ kam sein Chor-Debüt als 10-Jähriger bei Burghard Schloemann zu Gehör, bei dem er Disziplin und Begeisterungsfähigkeit kennengelernt habe, seine Prägung durch Lehrer am Kreisgymnasium, die interkulturelle Erfahrung während eines Schüleraustausches nach Frankreich, das Kennenlernen von Vielfalt und das Verständnis von Religion durch die evangelische Kirche in Halle sowie das Verständnis für Politik bei seiner Arbeit als 17-Jähriger in einer Partei. Auch seine Liebe zu Arminia Bielefeld brachte er in Bezug zu seinen späteren Aufgaben. „Ich habe leiden gelernt“, war sein mit einem Augenzwinkern gemeintes Resümee. „Ich hätte ihm noch eine Stunde zuhören können!“, lautete die Meinung einer Zuhörerin – damit stand sie mit Sicherheit nicht alleine da.
Ein ganz anderes Programm wurde mit einem Konzert in der St. Johanniskirche geboten: Es war mit Werken u. a. von Burghard Schloemann dem Gründer der Haller Bach-Tage gewidmet. Die Bläser der Christuskirche Herford widmen sich seit Jahren seinen Werken und haben auch den Gottesdienst zu Schloemanns 90. Geburtstag sowie die Trauerfeier im vergangenen Jahr für ihn musikalisch mitgestaltet. Die Gesangssolistin des Konzerts, Eike Tiedemann, stammt aus Halle und ist in der Johanniskantorei unter der Leitung von Schloemann groß geworden. Im Anschluss stellten die Kinder Hannes und Adelheid Schloemann, die zu dem Konzert angereist waren, mit KMD Friedemann Engelbert die Gedenktafel für ihren Vater vor. Sie wurde dauerhaft in der St. Johanniskirche angebracht.
Ergreifend und bedeutend – so kündigte Friedemann Engelbert den Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert vor. Der Komponist wollte damit den existentiellen Schmerz des Menschen darstellen. Das Publikum wurde zum Begleiter eines Wanderers – wunderbar dargestellt vom gebürtigen Osnabrücker Bariton Konstantin Ingenpaß. Ganz gleich, ob die euphorische jedoch verbotene Liebe, Depression, Hoffnung, Zweifel, Trauer oder Einsamkeit – der Sänger vermochte die 24 Stationen für alle erlebbar zu machen. Ihm zur Seite stand die südkoreanische Pianistin Hyun-hwa Park – ein perfektes Zusammenspiel der beiden Ausnahmekünstler.
Mit den hohen Besuchszahlen - allein rund 3.000 veräußerte Karten im Vorverkauf und zwei vollständig ausverkauften Konzerten (von 13 insgesamt) - zeigte man sich von Seiten der Stadt Halle mehr als zufrieden. Sie bewiesen erneut die Strahlkraft über die Lindenstadt hinaus und bestätigten die Bedeutung der Bach-Tage für das musikalische und kulturelle Leben in Halle und der Region. Das traditionsreiche Festival behaupte seine feste Position im Kulturkalender. Die Vorfreude auf die kommenden Haller Bach-Tage ist somit groß. Sie finden vom 29. Januar bis zum 14. Februar 2027 statt. -dag-