Holger Hanke steht in der Sakristei, steckt sich das Mikrofon an seinen Talar und verstaut den dazugehörigen Sender. „Man gewöhnt sich daran“, sagt der Gemeindepfarrer und meint damit so viel mehr als nur die sonntägliche Verkabelung.
In der St. Jacobi-Kirche in Werther gab es, wie in so vielen anderen Kirchen auch, lange Zeit keine Präsenzgottesdienste. Stattdessen sendet die Gemeinde sonntags live einen Stream aus dem Gotteshaus via YouTube in die heimischen Haushalte. Auch an diesem Sonntag steht Holger Hanke wieder auf der Kanzel und predigt in den menschenleeren Raum. „Das Wichtigste war, die Situation anzunehmen, so wie sie ist. Man hat sich inzwischen damit angefreundet, auch wenn man ohne Menschen nicht so ein Gefühl dafür hat, wo die Gemeinde mitgeht und wo die Leute abschalten“, erzählt der Theologe. „Es wäre aber was völlig anderes, wenn ich die Gemeinde nicht kennen würde, aber so ist es nicht so anonym“. Auch wenn die direkten Reaktionen ausbleiben, ein Feedback zu den Online-Gottesdiensten bekommen Holger Hanke und seine Kollegen dennoch häufig wenn sie in der Stadt Gemeindemitglieder treffen.
Ein Feedback bekommen sie natürlich auch in Form von Klickzahlen. „Wir haben zwischen 150 und 280 Zuschauer bei den Streams“, verrät Björn Knemeyer, der während seines Vikariats in Werther am Aufbau der digitalen Strukturen beteiligt war. Mittlerweile ist er mit jeweils einer halben Stelle Pfarrer in Steinhagen und als Pfarrer für Projekte zur Kommunikation des Evangeliums auf digitalen Kanälen im Kirchenkreis Halle tätig und gibt in dieser Funktion seine Erfahrungen weiter. Denn leicht war es nicht, die Kirche auch physisch ans Netz zu bekommen. „Am Anfang haben wir ein Kabel vom Gemeindehaus rüber in die Kirche gelegt jedes Mal, weil wir noch kein Internet hier hatten. Kurz vor Weihnachten wurde dann ein Glasfaserkabel verlegt und die Gemeinde hat richtig Geld in die Hand genommen“, erzählt Knemeyer.
Rund 15.000 Euro haben die Verlegung des Erdkabels und der für den Stream notwendige Computer gekostet. „1000 Meter Kabel sind hier jetzt verlegt“ verrät Paul Stahnke. Der Auszubildende zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik hat in der Vergangenheit schon den Jacobi live Gottesdienst technisch betreut und kümmert sich nun hinter den Kulissen um den Stream. Gemeinsam mit Presbyter Fabian Hartl sitzt er sonntags auf der Empore hinter dem Mischpult und setzt alle Akteure wie ein Regisseur in Szene. Rund eine Stunde vor der Übertragung beginnt die Arbeit der beiden, dann wird die Präsentation mit Einblendungen von Liedtexten und Kollektenzwecken vorbereitet und die Ausrüstung wird überprüft. Drei Kameras, ein Verfolger genannter Scheinwerfer, mehrere Ansteck- und verschiedene Raummikros sind im Einsatz.
Was heute professionell und ohne große Schwierigkeiten von statten geht, war zu Beginn nicht frei von Fehlern. „Wir hatten mal eine Netzwerkkamera im Einsatz, die war katastrophal. Und einmal haben wir vergessen in der Hektik das Mikrofon des Lektors auf laut zu stellen“, berichtet Björn Knemeyer. Aber auch nicht beeinflussbare Dinge wie zu grelles Gegenlicht durch die Kirchenfenster oder ganz banale Kleinigkeiten warfen Probleme auf. „Es hat gedauert, bis alle Mitwirkenden verstanden haben, dass sie ihre Jacken nicht einfach auf die leeren Stühle legen können, weil wir mit einer Kamera auch die ganze Kirche aufnehmen, und sie die deshalb außerhalb des Bildes ablegen müssen“, berichtet Björn Knemeyer lachend während sich Bläser und Sänger positionieren für ihren Auftritt. Abwechselnd wirken in Werther sonntags einzelne Mitglieder der Kirchenchores, des Cantus Jacobi und des Gospelchores mit. „Wir dachten erst, es wäre viel verlangt von ihnen, hier regelmäßig zu singen, aber die Sängerinnen und Sänger sehen es als Privileg, hier in diesen Zeiten auftreten zu können“, sagt Knemeyer.
Ebenso geht es dem Posaunenchor, der an diesem Sonntag bereits im Kirchenschiff Platz genommen hat. Eine Stille senkt sich über die Kirche, die Glocken erklingen. Niemand muss einzählen oder ein Startzeichen geben zu Beginn des Streams. Beim dritten Glockenschlag geht es los, die Bläser spielen das erste Stück. Holger Hanke tritt auf die Kanzel und begrüßt mit dem Blick in die leeren Reihen seine Gemeinde, irgendwo zuhause an den Bildschirmen, Tablets oder Handys. Aber das spielt keine Rolle – Gemeinschaft lässt sich – mit der richtigen Ausstattung – auch digital herstellen.
Die Gottesdienste aus Werther werden auch bei einer Durchführung von Präsenzgottesdiensten weiterhin parallel gestreamt und sind jeweils eine Woche nach Live-Ausstrahlung noch auf dem YouTube Kanal der Gemeinde zu sehen: https://www.youtube.com/channel/UC3nTsokViJdmruSg8-eUbSQ