Ein Gottgläubiger wird er nie, das macht Wolf Biermann gleich mit seiner ersten Geste klar. Superintendent Walter Hempelmann begrüßt ihn auf der Bühne der Aula des Kreisgymnasiums Halle mit der Bemerkung, der Titel seines neuen Buches „Mensch Gott!“ sei ein „Glaubensbekenntnis in zwei Worten“ – und Biermann winkt ab. Der Liedermacher ist vieles, aber kein gläubiger Christ.
„Fromm war ich immer, dazu musste ich keinen Gott haben. Mein Glaube ist noch verrückter als der an einen Gott und lässt sich noch weniger begründen – ich glaube an die Menschen. Damit macht man sich lächerlich, vor allem vor den Göttern“, gibt Biermann den 500 Besuchern zu bedenken. Bei seinem Auftritt im Rahmen der Reihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ geht es um Religion, um Hoffnung, um Politik. Gemeinsam mit dem Journalisten Andreas Oehler wirft Biermann einen Blick zurück auf sein Leben, untermalt von Gedichten und Liedern aus fünf Jahrzehnten. Andreas Oehler ist vor allem als Taktgeber dabei, schaut immer wieder auf die Uhr, wenn Biermann sich in Anekdoten verliert und stellt zielgerichtete Fragen. Zwischendurch darf aber auch er in kleinen Frotzeleien mit Biermann seinen Intellekt und Witz aufblitzen lassen („Pietisten? Pietcong sagen wir dazu“).
Stille, nachdenkliche Töne, Melancholisches, aber auch Trotziges und Wütendes hat der Liedermacher selbst, der 1976 aus der DDR in den Westen kam, mitgebracht. Mit viel Schalk im Nacken und einer fast kindliches Spielfreude erzählt er von seiner Vorliebe für „Mausgraue Demokratie“ einer Kanzlerin Merkel, wirft den Namen Lukaschenko in einen Topf mit Hitler und Stalin, kokettiert mit dem eigenen Intellekt und macht im nächsten Moment seiner Frau Pamela eine Liebeserklärung („eine Frau, die einen nicht zurückhält“).
Dass er auf Einladung eines Kirchenkreises auftritt, ist für den Gottlosen kein Widerspruch.
„Zur richtigen Ökumene gehört auch, dass ich als Gottloser dazu gehöre“, sagt Biermann und stimmt sein Lied „Religionsunterricht“ an, dass er einst für einen ökumenischen Kirchentag komponierte.
Dass er im Rahmen der Reihe „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ auftritt, ist in seiner Biografie verankert: Sein Vater, kommunistischer Arbeiter bei der Hamburger Werft Blohm & Voss, war Jude, kämpfte im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Die Erinnerung an ihn hält Biermann in seinen Liedern und Gedichten am Leben. In Halle spielt er „Gräber“, mit den unter die Haut gehenden Zeilen „Meines Vaters Grabstein steht überall. Ich brauch' sein Grab nicht lange suchen. Es ist so leicht zu finden. Dort, wo ein Schornstein raucht“. Er dürfe sich selbst beim Singen dieses Textes nicht zuhören, sondern müsse es mechanisch abliefern, wie ein Plattenspieler, um nicht emotional zu werden. Einmal habe er es getan und konnte nicht weitersingen, berichtet er, als eine Auschwitz-Überlebende aus der ersten Reihe aufstand zu ihm ging und ihm sagte „So Wolf, nun ist gut“.
Der Abend endet mit der philosophischen Betrachtung des Prinzips Hoffnung. „Wer Hoffnung predigt, tja, der lügt, doch wer die Hoffnung tötet, ist ein Schweinehund und ich mach beides“, heißt es im Gedicht „Melancholie“. Schließlich stimmt Biermann das von vielen ersehnte „Ermutigung“ an, dass sogar im Gesangbuch der schwedischen Kirche aufgenommen wurde. Das Stück hat vor allem für Pfarrer Matthias Storck, der durch seine persönliche Freundschaft erst Biermann in den Kirchenkreis holte, eine besondere Bedeutung: während er und seine Frau Tine in der früheren DDR in Haft saßen, sangen sie sich von Zelle zu Zelle das Werk als Mutmacher zu.
Als Zugabe singt Wolf Biermann auf Zuruf noch den „Preußischen Ikarus“ und wird durch stehende Ovationen belohnt. Mehr als eine Stunde lang signiert Biermann nach dem Konzert dann noch seine Bücher, von Besuchern mitgebrachte Schallplatten und Plakate. Und dabei setzt er nicht nur seine Unterschrift, sondern beginnt mit jedem Anstehenden noch ein persönliches Gespräch, plaudert über dies und jenes, erzählt unter anderem, wie er beim Apfelpflücken ein Stück des kleinen Fingers verlor und ersinnt individuelle Widmungen.