Florian Gausmann hat ein ungewöhnliches Hobby. Der 18-Jährige beschäftigt sich in seiner Freizeit mit dem Thema Glocken. Er hört sich oft Geläute als Aufnahme oder direkt "live" an, steigt im Zuge seines Hobbys aber auch immer wieder selbst auf Kirchtürme. Inzwischen war er auf fast 100 Türmen, um dort die läutenden Glocken zu filmen. Diese Aufnahmen veröffentlicht er anschließend zusammen mit einem kleinen Text zur Geschichte der jeweiligen Kirche und des Geläuts auf seinem YouTube-Kanal @glocken_lucagans.
In diesem Jahr hat er auch die Dorfkirche Steinhagen besucht und deren Turm bestiegen, um dort das Geläut mit Bild und Ton aufzuzeichnen. Jetzt ist der Film fertig und für alle öffentlich zugängig. „Wir freuen uns über die Glocken in Bewegung zu sehen und gleichzeitig in einer angenehmen Lautstärke zu hören. Das geht nur, wenn jemand wie Herr Gausmann ein Video davon macht. Wunderbar gelungen, vielen Dank!“, freut sich der Presbyteriumsvorsitzende Andreas Kleen, der ebenso wie die gesamte Kirchengemeinde das Vorhaben unterstützt hat.
Der Film hält auch ein Stück der Geschichte der Dorfkirche fest: Eine erste Kirchengemeinde in Steinhagen wird 1334 als Abpfarrung der Peterskirche in Dornberg gegründet. Die damalige Kapelle dürfte bereits das Patrozinium Mariens gehabt haben, dieses geht mit dem Neubau der Kirche im 14. Jhd. auf diese über, ist seitdem vermutlich aber nur noch an "zweiter" Stelle, nach dem des Hl. Laurentius. An diesen Umstand erinnert die Inschrift der heute kleinsten Glocke. Mit der Reformation wurde die Gemeinde wie nahezu alle in der Grafschaft Ravensberg evangelisch. Im Turm befindet sich ein undatiertes Uhrwerk der Firma Korfhage, das vermutlich nach einem Schreiben wenige Monate nach dem zweiten Kriegsende geliefert wurde, in dem es hieß, die alte Uhr von 1889 sei erneuerungsbedürftig. Bis zum ersten Weltkrieg bestand das Geläut vermutlich immerzu aus drei Glocken. Mit dem Einbau des neuen Stahlgeläutes von 1920 aus Bochum wurde der bis dahin bestehende alte Glockenstuhl größtenteils ausgebaut.
Bereits 1997 wurde nach einer Begehung des Glockenstuhls der bedenkliche Erhaltungszustand der gesamten Anlage festgestellt. Die nur mäßige Qualität des verzogenen Geläutes hätten eine kostenaufwändige Sanierung nicht gerechtfertigt, sodass ein neues Geläut ins Auge gefasst wurde. Die vier neuen Glocken wurden in Abstimmung auf das ebenfalls neue Geläut in St. Hedwig und mit einer durchdachten Zier der Künstlerin Rosemarie Vollmer am 29. April 2000 in Brockscheid gegossen. Die alten Stahlglocken läuteten am 29. Februar 2000 das letzte Mal.
„Das Geläut ist sowohl in Zier, als auch Klang hervorragend gelungen und die Gemeinde kann wirklich stolz darauf sein. Die sinnvolle Abstimmung zu den ebenfalls neuen Glocken der kath. Kirche macht das Steinhagener "Stadt"-Geläut definitiv zu einer weiteren Bereicherung der westfälischen Glockenlandschaft.“, lautet das Urteil des Glockenfilmers Florian Gausmann. Und der zu seinem team gehörende Winfried Mülder ergänzt: „Das sind herrlich gelungene Instrumente, die einen vollen und strahlenden Klang vom Turm senden. Das Geläut von Steinhagen reiht sich nahtlos ein in die Vielzahl neuer Geläut aus der Zeit in der Region, es besticht durch Dynamik und die wunderbare Klangentfaltung, welche sicher auch der dem Geläut gerecht werdenden Glockenstube zuzurechnen ist.“
Der Film mit den aktuellen Glocken ist zu sehen unter https://www.youtube.com/watch?v=4HaQfc4Rhvk