Nachdem beim 7. Haller Musiksommer, der acht Gratis-Konzerte in den Kirchen St. Johannis und Herz-Jesu bietet, mit dem Bach-Chor, der Gruppe „GAM“ (Gospel and more) sowie der finnischen Weltmusik-Band „Uusikuu“ Vokalisten im Vordergrund standen, rückten bei den Folgekonzerten mehr die Instrumente in den Mittelpunkt.
Unbestritten war beim mit „Klavier. Leidenschaft. Pur“ überschriebenen Konzert der virtuos aufspielende Volker Kolmetz der umjubelte Star in der Herz-Jesu-Kirche. Aber er musste sich die Aufmerksamkeit mit etwas teilen, das von Organist Markus Stein mit „Es ist geschichtsträchtig und Varieté-erfahren – heute werden wir alle Register ziehen“ angekündigt wurde. Gemeint war der Steinway-Flügel, den die katholische Kirchengemeinde vor kurzem erworben hatte. 1909 in New York gebaut, bis 1972 im legendären Bielefelder Varieté „Trocadero“ eingesetzt - ein Flügel mit großem Klang. Der in Gelsenkirchen geborene und studierte Klaviermusiker verstand es, alle Register darauf zu „ziehen“. Ganz gleich, ob Beethovens Klaviersonate Nr. 23 mit dem Namen „Appassionata“ – laut Kolmetz eigentlich kein klassisches Stück – oder das etwas leichtere „Rondo capriccioso E-Dur Op. 14“ von Mendelssohn-Bartholdy, eine „Barcarolle“ von Chopin oder als Zugabe die zweite Ungarische Rhapsodie von Liszt, der begnadete Pianist verstand es auf ganz besondere Weise, dem Instrument Klänge von unglaublicher Intensität zu entlocken. Das Publikum im vollen Gotteshaus dankte ihm mit langanhaltendem Applaus.
Auf Messers Schneide stand das nächste Konzert in der St. Johanniskirche. Organisator Friedemann Engelbert leitete den mit „So klingt Peru“ genannten Abend mit der schlechten Nachricht ein, dass sich eine der zwei Ausführenden, Prof. Anja David, bei der Anreise ein paar Stunden zuvor den Oberarm gebrochen habe. Die gute Nachricht: Ihr Duett-Partner Julio Arancibia übernahm ihren Part und war damit Pianist und Moderator in einer Person – eine Aufgabe, die er grandios meisterte. Die kleinen, oftmals persönlichen Klavierwerke, entstanden teilweise während Arancibias Kompositions-Studium in seiner peruanischen Geburtsstadt Trujillo, so zum Beispiel ein folkloristischer Walzer für seine Mutter. Ebenfalls waren auch Kompositionen aus seiner zweiten Schaffensperiode in Detmold zu hören, die er unter anderem seinen Kindern widmete. Sie waren stark von musikalischer Harmonie geprägt, die von seiner großen Bewunderung zu Romantikern wie Brahms, Mendelssohn, Rachmaninov oder dem Argentinier Piazzolla zeugte. Zwischen den vierzehn „Miniaturen für Klavier“ wurden Landschaften aus seiner Heimat, aber auch vom Teutoburger Wald, sowie Fotos seiner Familie und die der einzelnen Komponisten gezeigt, begleitet von interessanten Informationen, die der Pianist kurzweilig und manchmal mit einem Augenzwickern zu erzählen wusste. Dafür gab es Standing Ovations vom zahlreich erschienenen Publikum.
„Diese Musiker habe ich zum ersten Mal 2024 im WDR gehört, in dem Jahr gaben sie dann auch ein Konzert in Halle. Inzwischen sind die drei Studierende der Musik und da hat sich so richtig etwas weiterentwickelt“, leitete Markus Stein den Abend mit den „baroque drops“ ein. Kontrabassist Leonard Schrahe (21), Seema Gupta (19) mit verschiedenen Blockflöten und Cembalist Juan Christóbal Undurraga (27) spielten die Werke von u. a. Händel, Castello, Kircher und Corelli genauso, wie das Konzert betitelt war: „Jung. Wild. Virtuos.“. Durch den Abend leitete Meike Herzig. Sie hatte die Gruppe 2018 gegründet und betreut seit dieser Zeit die jungen Musiker, die laut eigener Aussage frühbarocke Stücke entstauben möchte. Das gelang ihnen mit viel Spielfreude und adäquater Interpretation hervorragend und traf genau den Nerv des Publikums. Meike Herzig präsentierte zu jedem der neun Werke interessante Informationen zum historischen Kontext und zu den Komponisten. Sie erklärte die Besonderheiten der barocken Instrumente sowie Fachbegriffe wie „Masque“ (eine Art Musical in der Zeit des 17. Jahrhunderts) oder „La Follia“, wörtlich „Die Verrücktheit“, einem harmonischen Schema mit einer typischen Akkordfolge, das im Barock als beliebte Vorlage für Variationen diente. Bekannt ist es vielen aus „Conquest of Paradise“, an diesem Abend spielte die Gruppe eine Komposition von Arcangelo Corelli. Das Publikum war begeistert und bekam mit einem Werk von Unico Wilhelm von Wassenaer eine erhoffte, virtuos vorgetragene, Zugabe. „So jung. So modern. Und das bei so alter Musik!“ schwärmte Markus Stein und lud das Publikum anschließend auf den Kirchplatz ein, wo man den Abend bei einem Getränk ausklingen lassen und über das Gehörte ins Gespräch kommen konnte. -dag-